Wie Indigo mich kaufte ;-)


1. Tag X

Der Tag, an dem man seine Seele an ein Pony verliert.
Das ist nicht der Tag, an dem man das Pony kauft, das ist der Tag, an dem man vom Pony gekauft wird.
Er ist Schokobraun, älteres Semester, 1,30m klein, hat Stern und Schnippe, keine Haare auf der Nase, eine Beule am Bauch und stand schon auf der Waage für den Schlachter, der ihn ins sonnige Italien exportieren wollte.
Meine hochschwangere Freundin möchte ihn und seinen Kumpel lieber ins nicht ganz so sonnige Bayern importieren, ich fungiere als Chauffeur.
CHAUFFEUR!
Ich habe NICHTS mit diesen Ponys zu tun!
Erste Pause nach 30 Minuten Fahrt, ich überprüfe den Hängerinhalt.
„Du, die schwitzen vor Angst, wir brauchen Decken!“ Ich wickle eine gelb-braun-graue Picknick-Decke um das Pony und knote sie an ihren

Indigo Januar 2008

Indigo Januar 2008

Fransen vor seiner Brust zusammen, und blicke in zwei weit aufgerissene, abgrundtiefe, ozeanweite Augen.

Ich bin gekauft.

Natürlich weiß mein Vernunft-Gehirn das nicht, aber mein unterbewusstes Emotionen-Gehirn hat voll zugeschlagen. Es tauft ihn – Coloristen-gerecht und noch während der Fahrt – auf den Namen „Indigo“.

2. Tag 1

Tag 1 ist der Tag, an dem das Vernunft-Hirn (VH) vor dem unterbewussten Emotionen-Hirn (EH) kapituliert.

Freundin: Würdest Du Indigo übernehmen? Dann können beide Ponies gemeinsam ihren Lebensabend verbringen?

Nächtliche Diskussion während Schlaflosigkeit:

VH: Mit dem kannst Du nix anfangen, Du kannst ihn nicht reiten, nix!
EH: Bodenarbeit, Spaziergänge, und spazierengehen und laufen lassen und so. Und hast Du ihm im Hänger in die Augen gesehen?
VH: Er wird Dich nicht viel weniger Kosten als ein Reitpferd!
EH: Bodenarbeit, Spaziergänge, und spazierengehen und laufen lassen und so. Und hast Du ihm im Hänger in die Augen gesehen?
VH: Schmied? Tierarzt?
EH: Bodenarbeit, Spaziergänge, und spazierengehen und laufen lassen und so. Und hast Du ihm im Hänger in die Augen gesehen?
VH: Er hat keine Haare auf der Nase, sieht aus wie eine Kreuzung aus Schäferhund und Dackel, und er hat einen Nabelbruch!
EH: Bodenarbeit, Spaziergänge, und spazierengehen und laufen lassen und so. Und hast Du ihm im Hänger in die Augen gesehen?
VH: JA, verdammt, ich habe ihm in die Augen gesehen!

Jetzt ist er gekauft!

Am 1. Tag noch völlig nervör und verspannt auf dem Paddock.

Am 1. Tag noch völlig nervör und verspannt auf dem Paddock.

3. Wurmkur

„Wir werden am WE entwurmen!“

Oh Schreck! Entwurmen! Ich gerate in Panik.
Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich schon 100 Wurmkuren verabreicht, aber jetzt geht es um DIE Wurmkur für MEIN Pferd!
Ich träume von sich windendem und wurlenden Gewürm in Indigos Verdauungstrakt und wache schweißgebadet auf.
Ich stürze an meinen PC und gebe bei Google „Wurmkur+Pferd“ ein.
Vier Stunden später habe ich 3 Dissertationen, 12 Forendiskussionen, 8 Herstellerseiten und die Seite www.deinpferdundwurm.de gelesen und bin bestens informiert.

Wie bei all den anderen Pferden in den letzten Jahren werde ich also zu diesem zeitpunkt mit Equimax entwurmen.

Gut, daß ich nachgelesen habe. Jetzt kann ich beruhigt die zwei Stunden schlafen, die noch von der Nacht übrig sind, bevor der Wecker klingelt….

4. Hufschmied

Schmied: „Wie sehen denn denen ihre Hufe aus? Wo habt ihr die denn her?“
Wir: „Da waren ganz viele schöne Pferde, die alle nach Italien transportiert werden!“
Schmied: „Ach, und warum habt ihr dann die Hässlichen mitgenommen?“

Ich träume von einem Indigo, der sich auf der Wiese in ein eckiges Picasso-Pferd verwandelt, und wache geschockt auf.

Ich setze mich an meinen Schreibtisch und male ein Picasso-Pferd.

Anschließend gebe ich an meinem PC bei Google: „Pferd+Deformation“ ein. Nach betrachten von ca. 8000 medizinischen Fachfotos kann ich nicht mehr schlafen und installiere mich am nächsten Morgen in der Arbeit neben der Espresso-Maschine.

5. Tierarzt

Indigo im Frühjahr 2009

Der Nabelbruch sieht nicht schön aus, tut aber nicht weh.

Tierarzt 1 empfiehlt dringend, den Nabelbruch zu operieren. Indigo wird auf 25 Jahre geschätzt. Hm, ich hätte jünger gesagt… So um die 20….
Ich frage, ob das bei dem alten Pony noch Sinn macht, der rennt doch schon sein ganzes Leben damit rum. Ja, aaaabbbbeeerrrr…

Ich träume von „Ja abeeeerrrrrrrs“, von platzenden Nabelbrüchen, von eingeklemmten Darmstücken und von Kolik.
Ich schrecke schweißgebadet auf und wälze 5 Bücher mit Titeln wie „So bleibt ihr Pferd gesund“ – „Fragen und Antworten für Studenten der Fachrichtung Pferde“ – „Das große Buch der Pferdekrankheiten“. Ich finde zwar nur 2 Seiten über Nabelbrüche, aber dafür reichlich viele unschöne Bilder über Krankheiten, von deren Existenz ich eigentlich nichts wissen wollte.
Mein ‚Chef möchte am nächsten Morgen wissen, ob ich krank bin, er hat da eben gehört, wie ich am Telefon etwas von „Klinik“ gesagt habe, und ob das was mit meinen Augenringen zu tun hätte.
„Nein, nein, ich brauch nen Tierarzt.“
„Ach, dein Hausarzt konnte nicht mehr helfen, oder wie?“

Da Witz von Chef, lache ich gehorsam und wünsche mir mehr pferdebegeisterte Vorgesetzte. Die sprechen meine Sprache….

Der TA erklärt mir Indigos Nabelbruch und schiebt meinem Pony seine Beule in den Bauch, damit er mir die Bruchpforte zeigen kann. Die ist bei meinem Pony erschreckend groß, aber das gute ist, die ist so groß, da kann sich nichts einklemmen.
„Der läuft seit seiner Geburt damit herum, tun sie ihm die OP nicht an.“

Der TA schätzt Indigo auf 18 bis 20, sagt aber, daß man bei Pferden über 16 Jahren anhand der Zähne nicht mehr wirklich genau schätzen kann. Und er lobt mein Pony, wie tapfer und brav er war, obwohl er so schlechte Erfahrungen gemacht hat und er doch ein Fremder Mann ist.
Ich bin STOLZ! Das erste Lob für MEIN Pony.

6. Männer und andere Mitmenschen

Der 1. des nächsten Monats rückt näher.
Ich muß mit dem Stallbesitzer die Miete neu aushandeln, der letzte Monat war für die geretteten Ponies als Beitrag stark verbilligt.

Ein Alptraum, in dem ich eine Schubkarre voller Goldmünzen den Berg zum Stall hinaufschieben muß, reißt mich aus meinem dringend benötigten Schlaf.

Ich gebe bei Google „Pferd+Stallmiete+Rosenheim“ ein und wünsche mir bald, es nicht getan zu haben.

Mit mühsam aufgerissenen Augen frage ich am nächsten Morgen bei meinem Chef nach, wie es eigentlich mit der nächsten Gehaltserhöhung aussieht, und vorsichtshalber erhöhe ich telefonisch den Dispo meines Girokontos.
Wie sich herausstellt, verlangt mein Stallbesitzer doch weniger als der 5*****-LAG-Hit-Aktivlaufstall.
Ich tätige die Überweisung und bringe fröhlich den Kontoauszug mit nach Hause:
„Kuck, jetzt habe ich den Beweis, ich habe tatsächlich ein eigenes Pony!!!“
„Wiiieeeeeeviiieeeel??????“
„Was haben nochmal die zwei Playstation3-Spiele gekostet?“

„Wollen wir heute den Tatort gucken?“

Schach Matt.

Ich telefoniere mit einer Freundin:
„Wiiieeeeeeviiieeeel?????? Dafür kann man sich ja eine Jeans kaufen!“
„Ach was, kein Mensch kauft sich jeden Monat eine Hose für soviel Geld“
Stille am anderen Ende der Leitung.
Naja, für irgendwen müssen sie ja die begehbaren Kleiderschränke erfunden haben….

7. Reitsportkataloge

Jeder guckt gerne Reitsportkataloge an.
Manchmal kauft man sich etwas.
Hat man das erste eigene Pony, bestellt man etwas manchmal nicht, aber dafür den ganzen Rest.
Ich habe nach einer Stunde ausgiebigem Studium des Kataloges eine Bestellmenge von ca. 356,87 Euro. ich konnte mich nicht zwischen British Mash und Probiotischem Müsli entscheiden, und dann gibt es 34 verschiedene Senior-Mineralfutter.
Der Westernzaum ist zu schick, und vielleicht mag er lieber das Apfel-Gebiss statt dem Kupfer, ich kaufe einfach beide.
Drei verschiedene Lammfell-Nasenschoner zum Wechseln müssen schon sein, und das eine Halfter wird ja auch mal dreckig, also nehme ich zwei Ersatzhalfter. Die große Putzkiste in Indigo-Blau muß sein, und die Zieenhaar-Schmuse-Kopfbürse und der ergonomische Noppen-Hufkratzer… Brauche ich Bandagen?

In meinem Traum muß ich meinem Pony einen Sattel kaufen, den ich vorher mit Hilfe eines Pferdestaubsaugers und eines Wanderreithalfters aus Grünlipp-Muschelextrakt selber zusammenbauen muß.
Ich springe entsetzt aus dem Bett und bin so froh, daß ich mein Pony nicht reiten kann und somit keinen Sattel brauche, daß ich vor lauter Freude noch eine Flasche Fliegenspray mitbestelle. Im Februar.

Auf der Party, die mein Mann und ich am nächsten Abend aufsuchen, fragen mich viele Leute, warum um alles in der Welt ich aussehe, als hätte ich jede Nacht Alpträume.
Ich lächle nur milde und gehe einfach in ein dunkels Eck.
Boah, die Frau, die da sitzt, die hat vielleicht Augenringe.
„Na, auch so müde?“
„Ja, Sie sehen so aus, wie ich mich fühle.“
„Ich habe gerade mein erstes Pony gekauft, ich hatte etwas Stress…“
In den Augen der müden Frau flackert das kleine Flämmchen der Hoffnung, ihr Gesicht fängt an zu strahlen.
„Ich habe auch seit drei Wochen ein Pferd, und ich mußte gestern einen Sattel kaufen!“
Die arme….
Ich nicke wissend und: Der Abend ist gerettet….

Indigo im Frühjahr 2008

Indigo im Frühjahr 2008

  1. Bisher keine Kommentare.

Sie müssen angemeldet sein, um einen Beitrag zu verfassen.